Karl und der Islam
Aus dem Buch "Kaiser Karl und seine Paladine" von Felix
Dahn (1834-1912) über das Leben Karls des Großen.
Schon Karls Vater, König Pippin, hatte nicht nur
feindliche, auch freundschaftliche Beziehungen zu arabischen
Fürsten gepflegt. Zwar den Ungläubigen in Spanien, diesen
bösen Nachbarn, konnte der Frankenkönig nur mit Schild und
Schwert entgegentreten: Pippin hatte durch eine Erhebung der
christlichen, westgotischen Bevölkerung in dem von den Arabern
noch immer beherrschten ehemaligen» Gotien« im Jahre 752 die
Städte Nîmes, Maguelonne, Agde, Beziers und ebenso im Jahre
759 Narbonne, die letzte Trutzfeste der Mohammedaner nördlich
der Pyrenäen, gewonnen: den (west)gotischen Einwohnern war im
voraus versprochen worden, daß sie auch unter fränkischer
Herrschaft nach ihrem gotischen Recht sollten leben dürfen.
Wenige Jahre vorher war die Herrschaft des Hauses der
Omaijaden in Asien durch die Abbassiden gestürzt worden (750):
doch ein Sprößling jenes Geschlechtes, Abderrachmán, war nach
Spanien gekommen, hatte dort zu Cordoba ein unabhängiges
Omaijadenreich gegründet (756) und gegen einen Angriff des
abbassidischen Kalifen von Bagdad erfolgreich verteidigt. So
hatten denn dieser Kalif, Almanßur, und König Pippin einen
gemeinsamen Feind in dem Omaijaden zu Cordoba.
Dies führte zu freundschaftlichen Beziehungen zwischen
beiden: im Jahre 765 ging eine fränkische Gesandtschaft,
wahrscheinlich in Erwiderung einer abbassidischen, nach Asien
in das ferne Bagdad. Aber auch in Spanien standen häufig die
Fürsten einzelner Städte in Waffen wider den Omaijaden zu
Cordoba: solche riefen dann wohl fränkische Hilfe an. So tat
denn auch im Jahre 777 der Statthalter (» Wali«) von Barcelona
und Gerona: als Karl tief im Sachsenlande lagerte, erschienen
Gesandte dieses Häuptlings und riefen seinen Schutz an.
Gegen einen Feldzug jenseit der Pyrenäen, in völlig
unbekanntem Lande, gegen unbekannte Feinde sprach gar
mancherlei, zumal solange noch viel wichtigere Aufgaben in der
Nähe der Lösung harrten. Allein unwiderstehlich drängten zu
diesem Unternehmen die beiden mächtigsten Gewalten in Karls
großer Seele: einmal die tiefe, tateifrige Frömmigkeit und
dann die leidenschaftliche Lust an Kampf, Eroberung,
Machterweiterung. Schon damals, lange bevor die Kaiserkrone
ihn schmückte, war Karl von der Überzeugung durchdrungen, er
sei von Gott berufen, » allüberall« die Kirche zu schützen und
den rechten Glauben zu verbreiten: daher sein Kampf für den
Papst gegen die Langobarden, daher seine großartigen
Bemühungen, die heidnischen Nachbarn ringsum: Sachsen, Avaren,
Slaven zu bekehren. So aufrichtig, so frei von jeder Heuchelei
dieser Glaube war, so höchst angenehm empfand es doch der
kampffreudige Held, der machtgierige König, daß ihm jene von
Gott auferlegte Pflicht für den Glauben zugleich den Krieg
gegen jene Heiden und die Unterwerfung ihrer Länder
auferlegte: die Befriedigung seiner heißesten Leidenschaften
schien so als gottwohlgefällige Erfüllung frommer Pflicht.
In angenehmster Mischung von christlichem Glaubenseifer und
von heldenhafter Lust an Heerfahrt und Eroberung ließ sich
Karl auf das weitaussehende Unternehmen ein: gerade auch
solche Fahrt in unbekannte Länder und Gefahren reizte ihn. Er
hat, im Unterschied von seinem maßvollen, vorsichtig
nüchternen Vater, einen großartigen, aber ein wenig
phantastischen Zug ins Weite, in die Ferne, in das
Ungemessene. Im folgenden Jahre (778) begann er nach
sorgfältigen, großen Vorbereitungen den Feldzug über die
Pyrenäen: aus seinem eignen Munde wissen wir, daß ihm wirklich
die Eroberung von ganz Spanien, die Zerstörung der arabischen
Herrschaft daselbst, die Befreiung der spanischen Christen von
dem Joche der Ungläubigen als Ziel vorgeschwebt hat.
Aber dieser spanische Krieg sollte der einzige von dem
großen Feldherrn in Person geleitete Waffengang werden, der
völlig scheiterte. Den Plan dieses seines zweiten großen
Feldzugs entwirft er in völlig gleicher Weise wie den des
ersten, des Langobardenkrieges von 773. Auch hier zwei Heere,
welche auf zwei verschiedenen Straßen vordringen, erst in
Feindesland sich vereinen. Von Nordwest nach Südost
hinziehend, bilden die Pyrenäen die natürliche Grenze zwischen
der iberischen Halbinsel und Frankreich. Dementsprechend
wählte Karl seine zwei Straßen von Nordosten und von
Nordwesten: das eine Heer, bestehend aus dem Aufgebot der
östlichen Gebiete Karls: also der Bayern, Alamannen,
Ostfranken, Burgunden, wie der vor kurzem erst unterworfenen,
aber schon zur Heeresfolge herangezogenen Langobarden, dem aus
der Provence und dem ehemals gotischen Septimanien, zog über
die Ostseite der Pyrenäen: also über NarbonneundUrgel. Ein
Blick auf die Karte zeigt, daß für diese Scharen jeder andre
Weg ein sinnloser Umweg gewesen wäre. Der Befehlshaber dieses
Heeres wird uns nicht genannt. Das zweite Heer führte Karl
selbst; es bestand aus den Völkern des Nordwestens (also
Aquitaniern, Neustriern, Bretonen, salischen Franken und
Friesen). Es zog auf dem westlichen Wege durch das Land der
Basken, wohl über St. Jean-Pied de Port, Burguet und den Paß
von Ronceval auf Pampelona: erst vor Saragossa vereinten sich
beide Heere. Wenn das Unternehmen fehlschlug, so lag der Grund
nicht in den kriegerischen, sondern in den politischen
Verhältnissen. Karls arabische Verbündete, welche ihn gegen
Abderrachmán, den Omaijaden zu Cordoba, zu Hilfe gerufen
hatten, waren vor seinem Eintreffen in Krieg untereinander
geraten und zum Teil durch diese Kämpfe, zum Teil von dem
Omaijaden vernichtet worden. Schwerer noch wog, daß die
christlichen Goten und die christlichen Basken in Spanien, zu
deren Beschützung und Befreiung dieser »Kreuzzug« hatte dienen
sollen, feindlich gegen Karl auftraten: sie wollten lieber als
die fränkische Herrschaft anerkennen sich der Araber allein
erwehren, ja sogar Verträge mit diesen schließen. War doch
auch die Lage der Christen unter der Herrschaft des Islam,
falls sie nur die Schatzung zahlten, eine keineswegs
gedrückte: jedenfalls eine höchst beneidenswerte, verglichen
mit der der heidnischen Sachsen unter der Herrschaft Karls:
die Sachsen wurden vor die Wahl gestellt: Taufe oder Tod: die
Christen in Spanien durften unter der Herrschaft der Araber
ungestört ihren Gottesdienst halten.
In den Bergen von Asturien aber hatte das kleine Häuflein
von Goten, welche sich aus der Schlacht bei Xeres de la
Frontera am Guadalete (711) gerettet, Freiheit, Volkesart und
Glaube unter Führung des sagenhaften Helden Don Pelayo bewahrt
und allmählich wieder mehr Land gewonnen, begünstigt durch die
unaufhörlichen Kämpfe der Araber und Berber untereinander.
So war nach und nach ein kleines christliches Königreich
Asturien erwachsen: die Hauptstadt, Pampelona, lag in der
Landschaft Navarra, auch viele christliche Basken der
Pyrenäen, von den Arabern nie unterworfen, gehörten zu diesem
Staat. So feindlich verhielten sich aber jetzt diese Goten und
Basken, – unbestimmbar, ob mit den Arabern verbündet oder für
sich allein – zu den Franken, daß Karl mit dem Westheer
Pampelona, das auf seinem Wege lag, erstürmen mußte. Er
überschritt nun in einer Furt den Ebro und zog gegen
Saragossa, vor dessen Mauern er sich mit dem Ostheer
vereinigte. Die Stadt konnte doch nicht bezwungen werden:
offenbar, weil die vorausgesetzte Mitwirkung der arabischen
Verbündeten versagte: einer hatte vor Karls Erscheinen in
Spanien den Untergang gefunden, den andern führte Karl jetzt
bei dem Rückzug in Ketten mit nach »Francien«.
Ob der Rückzug wieder auf zwei Straßen erfolgte, wissen wir
nicht; fest steht nur, daß Karl sein Heer wieder auf dem
westlichen Wege zurückführte: er zerstörte jetzt Pampelona
oder doch die Mauern der Stadt, die er nicht behaupten konnte
und in feindlichen Händen nicht lassen wollte. Als nun das
Heer nördlich von Pampelona die Pyrenäen überschritt, da
geschah in der Schlucht von » Ronceval« (am 15. August 778)
jener Überfall der fränkischen Nachhut, von dem
jahrhundertelang Lied und Sage erzählt haben: denn hier fiel »
Roland der Held«. Derselbe gehört nicht nur der Sage an: die
gleichzeitigen Geschichtsquellen wissen von einem Hruotlandus,
Markgraf der bretonischen Mark (Bretagne), der hier den Tod
fand mit dem Pfalzgrafen Anshelm und dem Tafelwart Eggihard (
seniskalkus, der für die königliche Tafel zu sorgen hat; es
ist das Amt, das im Nibelungenlied Herr Rumold der
Küchenmeister bekleidet). Wahrscheinlich begegnet Rolands Name
und Unterschrift (»Rotlan, comes«) auch in einer Urkunde des
Abtes Fulrad von St. Denis (oben S. 32) vom 25. Dezember 776:
hier steht er als Zeuge neben und mit demselben Pfalzgrafen
Anshelm, neben und mit dem er bei Ronceval fallen sollte. Er
war wohl hervorragend unter Karls Paladinen: denn die
bretonische Mark wurde stets nur ausgezeichneten Männern
anvertraut, die keltischen Clane jener Landschaft mußten gar
oft mit dem Schwert in Gehorsam gehalten werden. Das ist
alles, was die Geschichte von dem viel gefeierten Helden der
Sage zu berichten weiß. Es ist vielleicht bezeichnend für
»Rolands« gefürchtete Tapferkeit, daß nicht solang er waltete,
erst nach seinem Fall die Bretonen wiederholt (786, 789, 811)
zu den Waffen greifen, obwohl auch Rolands Nachfolger im
Markgrafentum (oder doch in den Kämpfen) daselbst, Andulf und
Wido, ausgezeichnete Paladine Karls waren, die stets rasch mit
ihnen fertig wurden. Dem Seniskalk Eggihard hat ein
Zeitgenosse eine rührende Grabschrift verfaßt, aus welcher wir
auch den Tag des Gefechts erfahren: